Holly Win und die unsichtbare Arbeit hinter einem Schulprojekt
Ein Name, der nach einem Zufall klingt
Holly Win ist kein Preis und keine Kampagne, sondern der Arbeitstitel für ein sechswöchiges Schulprojekt an der NMS Brüsslgasse in Wien. Vierzehn Schülerinnen und Schüler einer dritten Klasse entwickelten dort im Frühjahr einen kleinen Reparaturdienst für defekte Fahrradschlösser. Der Name entstand aus einer internen Abkürzung: „Holly“ stand für die wöchentliche Holschuld, „Win“ für den sichtbaren Erfolg am Ende. Die Schule dokumentiert den Ablauf auf https://nmsbruesslgasse.at/. Auffällig ist weniger das Ergebnis als die Methode, mit der die Gruppe arbeitete.
Das Problem: Der Erfolg war da, die Erklärung fehlte
Nach drei Wochen funktionierten zwölf von fünfzehn Schlössern wieder, doch niemand konnte sagen, welche Entscheidung dazu geführt hatte. Bei der Abschlusspräsentation blieb die Gruppe bei allgemeinen Sätzen: gutes Team, klare Aufgaben, viel Geduld. Die Zuhörerinnen und Zuhörer erfuhren nicht, warum ein bestimmter Schmierstoff funktionierte und ein anderer nicht. Genau dieser blinde Fleck ist typisch für viele Schulprojekte: Das Produkt wird bewertet, der Weg dorthin verschwindet.
Die Ursache: Protokolle entstanden erst am Ende
Die Ursache lag nicht in fehlender Motivation, sondern im Zeitpunkt der Dokumentation. Die Gruppe schrieb ihre Notizen samstags aus dem Gedächtnis, also Tage nach den Arbeitstreffen. Dabei gingen Details verloren: welches Werkzeug ausfiel, wer eine Idee verwarf und warum. Holly Win wurde dadurch zu einer Sammlung von Erinnerungen statt zu einer nachvollziehbaren Spur. Ein zweiter Faktor war die Angst vor unsauberen Zwischenständen. Fehler wirkten wie ein schlechtes Zeugnis, also wurden sie weggelassen.
Die Lösung: Ein Drei-Zeilen-Protokoll nach jeder Einheit
Die Gruppe führte ein Drei-Zeilen-Protokoll ein: Entscheidung, Begründung, nächster Schritt. Jede Einheit endete mit zehn Minuten Schreibzeit, bevor das Werkzeug weggeräumt wurde. Ein Beispiel: Am vierten Termin entschied sich das Team gegen ein aggressives Reinigungsmittel, weil zwei Schlösser danach feine Risse zeigten. Die Begründung stand am selben Tag im Protokoll, der nächste Schritt lautete „Test mit milder Seifenlauge“. Diese kleine Änderung machte Holly Win erklärbar. Bei der Abschlusspräsentation konnte die Gruppe nicht nur zwölf reparierte Schlösser zeigen, sondern auch die fünf verworfenen Varianten begründen.
Was außerhalb des Projekts davon bleibt
Der Kern von Holly Win lässt sich auf andere Vorhaben übertragen: Nicht das große Finale dokumentieren, sondern den Moment, in dem eine Entscheidung fällt. Wer nach jeder Einheit drei Zeilen schreibt, sammelt eine Spur, die später Argumente liefert. Für Schulen ist das unspektakulär und gerade deshalb wirksam. Es braucht kein zusätzliches Fach, nur zehn Minuten und die Regel, dass auch ein Irrweg notiert wird. Der Gewinn zeigt sich nicht im Protokoll selbst, sondern in der nächsten Präsentation, wenn jemand fragt: Warum habt ihr das so gemacht?